Zum Inhalt springen

„Meine Solaranlage, mein E- Auto, mein Bioagavendicksaft“ – der erhobene Zeigefinger des Bildungsbürgers

Lange Zeit galt Umweltschutz als Nische für Idealisten. Nachdem der grüne Lebensstil heute zu einem der wichtigsten Statussymbole der Mittelschicht geworden ist, erleben wir eine Verschiebung dessen, was der Soziologe Pierre Bourdieu das „Distinktionsmerkmal“ nannte. 

Früher grenzte man sich über rein materiellen Luxus ab – die teure Uhr, das große Auto, die exklusive Damenhandtasche. Heute, in Zeiten von Klimakrise und Überfluss, funktioniert Abgrenzung über moralischen Konsum. Wer im Bio-Supermarkt kauft, ein Lastenrad nutzt oder Urlaube kompensiert, zeigt nicht nur, dass er Geld hat, sondern auch, dass er das „Richtige“ tut. Nachhaltigkeit ist der neue Luxus des Bildungsbürgertums.

Die Distinktion erfolgt dabei immer über zwei Achsen: kulturelles Kapital (Wissen) und ökonomisches Kapital (Geld). Um „korrekt“ grün zu leben, braucht man beides. Man muss die Zeit und das Wissen haben, um Umweltbilanzen oder Inhaltsstoffe zu verstehen. Und man muss das Geld haben, um für das Bio-Schnitzel oder die faire Jacke das Doppelte zu bezahlen. Wer das nicht kann, wird subtil als „unverantwortlich“ oder „rückständig“ markiert. Das schafft eine neue Form der moralischen Klassengesellschaft.

Entsprechendes Fehlverhalten im Alltag wird öffentlich oder im sozialen Umfeld sanktioniert. Das reicht vom schiefen Blick, wenn der Kollege den To- Go- Kaffeeeinwegbechernutzt, bis zur harten Kritik am Billigfleisch-Griller. Das Problem ist: Dieses Shaming trifft oft genau die Menschen, die gar keine Wahl haben. Wer mit Mindestlohn zwei Jobs jongliert, hat weder die Zeit noch das Budget für den Unverpackt- Laden. Für diese Menschen ist der grüne Lebensstil der Oberschicht wie eine verschlossene Tür, die ihnen permanent vorhält, dass sie „schlechtere Bürger“ seien.

Während „oben“ Nachhaltigkeit als identitätsstiftend zelebriert wird, empfinden traditionelle Milieus „nachhaltige“ Politik und den dazugehörigen Lifestyle oft alsBevormundung oder Bedrohung ihres eigenen Lebensstils. Wenn der Verzicht auf das Auto als Tugend verkauft wird, ist das für den Pendler auf dem Land, wo kein Bus fährt, reiner Hohn.

Wie lässt sich nun diese soziale Spaltung überwinden, ohne den Klimaschutz aufzugeben?

Indem wir Nachhaltigkeit von der individuellen Konsumebene lösen und als strukturelle und soziale Aufgabe begreifen. Es darf kein Privileg sein, sich klimafreundlich zu verhalten:
Der Standard (z. B. Ökostrom oder regional erzeugtes Kantinenessen) muss automatisch die nachhaltige Option sein, ohne dass man dafür extra zahlen oder sich aktiv entscheiden muss.

Und zur Distinktion des Bildungsbürgers bleiben ja sicherlich andere Betätigungsfelder wie Sport (Marathon!, Triathlon!), Kunst (Pollock!) oder Kultur (Wagner- Festspiele!), die nicht unmittelbar klimarelevant sind.